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Kapuziner-Symposium "Woran glaubt Europa?" beendet

MADRID - Mit einem Appell an die Brüder, sich von „Schwester“ Säkularisation zu einer tieferen Liebe zu Gott und den Menschen führen zu lassen endete das Symposium der Kapuziner der CENOC „Woran glaubt Europa“. Vom 4. bis 8. November 2010 trafen sich fast einhundert Brüder im frisch renovierten Kongresszentrum der spanischen Kapuziner „Christo de El Pardo“ in Madrid, ihr Charisma „zwischen Säkularisation und Rückkehr der Religion“ zu reflektieren. In Grundsatzreferaten und ergänzenden Antworten darauf setzen sich Wissenschaftler des Ordens und Gastredner mit dem Phänomen der Säkularisation auseinander und luden die Brüder ein, sie mit ihren Erfahrungen zu ergänzen.

Der erste Tag stand unter der Frage: Was lässt sich sehen von der Säkularisation in Europa? Zunächst, so die Referenten, müsse man zwischen den USA und Europa unterscheiden. Auch wenn es in Europa länderspezifische Facetten gebe: Die jahrhundertelange Verbindung von Staat und Kirche habe dazu geführt, dass im 21. Jahrhundert Staat und religiöse Institutionen dauerhaft getrennt seien und es dauerhaft wohl auch blieben. Damit sei Europa in einem Maße von der Säkularisation betroffen wie kein anderer Kontinent der Erde. Dennoch, so betonten die Referenten, werde die Religion auch hier weiterhin zur menschlichen Gesellschaft gehören, da sie zum Wesen des Menschen selber gehöre. Die Säkularisierung in Europa müsse mit anderen globalen Phänomenen gleich behandelt werden. Genannt wurden etwa Esoterik, evangelikale Bewegungen, "Talibanismus" innerhalb der Religionen, Verständigung unter den Weltreligionen und verschiedene Weltanschauungen. Es gelte jedoch, mit einem freien Blick und ohne rückwärtsgewandte Sehnsucht nach alten Formen sich der Wirklichkeit selber zu stellen.

Am Freitag stellen sich die Brüder der Frage: Wie ist das aus christlicher Perspektive zu beurteilen? Immer wieder fielen in den Vorträgen der Theologen die Stichworte “Kenosis“ und Inkarnation. Sie öffneten den Blick auf die Säkularisation als Erfahrungsraum vertiefender Gottesoffenbarung. Gott, so ein Redner, sei nichts in dieser Welt fremd. Möge sie noch so gottlos erscheinen – sie werde Gott niemals los. Christliches Engagement fürchte die Fragen und Bewegungen der Mitmenschen nicht, sondern versuche zu entziffern, wie sich das Evangelium darin bahnbrechen wolle, sei es bestätigend oder auch korrigierend. Es könne dabei selbstbewusst auf die vorhandenen Schätze etwa der Mystik und der Liturgie zurückgreifen und müsse sie in den Dialog mit der verweltlichten Welt einbringen und dürfe sich umgekehrt von dieser Welt auch ohne Furcht beeinflussen und zu neuen Entwicklungen herausfordern lassen.

Wie sollen die Kapuzinerbrüder handeln? Nach den Vorträgen mit Themen franziskanischer Theologie diskutierten am Ende des Symposiums Referenten und Teilnehmer mit Generalminister Mauro Jöhri, was die Säkularisation für die Entwicklung des Kapuzinerordens bedeute. Alle nahmen dankbar die positive Sichtweise der Tagung auf, dass die scheinbare Verweltlichung der Menschen den Brüdern Türen öffne zu einem vertieften Verständnis des eigenen Glaubens, wie ihn auch Franziskus erfahren hatte: Dass Gott nicht aufhört, sich in seiner Welt zu offenbaren. Die franziskanischen Werte wie Itineranz, Leben mit den Armen und Brüderlichkeit könnten wiederbelebt werden. Dazu müsse sich auch das Gebet der Brüder wieder neu verstehen als Öffnung und Einlassung auf jenen Gott hin, der sich der Welt beständig öffne und sich auf sie einlasse.

Als Konsequenzen daraus müssten die Kapuziner heute zu einem soziale und kirchlichen Standortwechsel bereit sein, da die neue religiös-spirituelle Suche postmoderner Menschen fern der Institutionen ansetze. Es sei eine Existenz eher im Zelt als im Kloster erforderlich, d.h. stets aufbruchbereit und für die Menschen leicht erreichbar. Brüderlichkeit dürfe nicht nur innen gelebt werden, sodass sie an der Klosterpforte ende. Es müsse Wege gegangen werden, Fremdenängsten, Resten von Standesbewusstsein und Spuren von Rassismus aktiv zu begegnen. Ein echtes Brudersein mit den Zeitgenossen, die Kirchenhierarchien ebenso wie der Herrschaft von Ayatollahs misstrauten, sei die Aufgabe der Kapuziner. Die Minderbrüder müssten von dem Vertrauen gekennzeichnet sein, dass Gott jede Religion, ja jede menschliche Sehnsucht auf seine Weise inspiriert und ans gemeinsame Ziel der Menschheit führt.

In Folge der Säkularisation würde vieles enden, was bis jetzt im brüderlichen und pastoralen Handeln noch selbstverständlich sei. Die Worte des Ordensvaters angesichts seines Todes: „Brüder, lasst uns endlich anfangen!“ bekämen jetzt einen besonderen Klang. Die Säkularisation stoße definitiv einen Prozess der Umformung auf allen Ebenen an, in dem und durch den Gott selber zur Wandlung rufe.

Auch wenn man sich im Abschlussgespräch nicht gleich einigen konnte, was ordensweit verändert werden müsste oder zumindest in einigen Regionen Europas: Die für manche Brüder notvolle Erfahrung der Verweltlichung erhielt durch dieses Symposium ein positives Gewicht. Ein Bruder schrieb in den Kommentaren auf der Website zum Symposium http://symposium2009.wordpress.com : „O Herr, lehre uns, die Wirklichkeit anzunehmen; lehre uns Kenosis.“ Und ein anderer fasste in einem Flurgespräch den Wandel der Stimmung über die Entwicklungen der westeuropäischen Gesellschaft in die Worte: „Willkommen, Schwester Säkularisation.“

 

AUDIO IT EN: Generalminister


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